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Interview mit Altbürgermeister Herbert Napp im Marienbildchen

Foto: Robert Gutowski

Ein Wiedersehen unter Freunden Ein Abend voller Erinnerungen, Witz und rheinischem Charme: Im traditionsreichen Marienbildchen traf sich Neuss’ Altbürgermeister Herbert Napp mit zwei langjährigen Weggefährten – dem Karikaturisten Wilfried Küfen und dem „Gastronom-urgestein“ Michael Bott. Napp und Bott kennen sich seit Kindertagen, wuchsen als Nachbarn auf und sind bis heute freundschaftlich verbunden. Wilfried Küfen wiederum begleitete Napps politische Laufbahn zeichnerisch – und karikierte ihn in seinen rund 17,7 Amtsjahren sage und schreibe über 200 Mal.

Wir waren sehr froh, dass Herbert Napp für dieses Interview zur Verfügung stand. Der „Vesuv von Neuss“, wie ihn Küfen gerne zeichnet, ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden – als markante Figur, als Macher und als einer, der seine Stadt geprägt hat.
Mit 51 Jahren wurde Napp am 27.03.98 Bürgermeister, führte Neuss 17,7 Jahre lang – und kaum jemand hat die Stadt so lange und intensiv begleitet wie er.
 
Polterabend im Marienbildchen
„Ich habe schon damals eine besondere Verbindung zu diesem Lokal“, erzählt Napp. „Hier feierte ich meinen Polterabend.“ Auf der kleinen Bühne spielte eine Jazz-Band, laut, wie es sich für einen Polterabend gehört –bis dann die Polizei kam. Einer der Polizisten war selbst begeisterter Trompetenspieler. Er griff spontan zum Instrument und jagte die gesamte Party-Crowd zur Hochstimmung – hier ging richtig die Post ab! Am Ende wurde das Ganze mit einem Lächeln und viel Musik abgeschlossen. „Damals konnte man die Dinge noch so Handhaben“.
„Ich habe auch als Jugendlicher hier im Marienbildchen schon am Zapfhahn gearbeitet und mir was dazu verdient, daher auch meine Verbindung über Jahrzehnte zu diesem Lokal." 
 Foto: Robert Gutowski

Anekdote: Schützenkönig mit Motorrad-Auftitt
 
Herbert Napp erzählt:
„Als ich Schützenkönig wurde, war ich ja noch vergleichsweise jung… wie alt? Äh, 33, glaube ich. Boah, da war ich der Jüngste, der durchgehalten hat. 
Am Dienstag, nach dem Vogelschuss, komme ich auf die Tribüne, wo dann der Vorbeimarsch ist, Schärpe angelegt, Uniform sitzt – da kommt plötzlich ein Polizist auf mich zu, auf dem Motorrad, und sagt: "Du musst jetzt hier weg, gleich kommt der König!“ [lacht]
Die Story geht noch eine kleine Ecke weiter, als der Vorbeimarsch vorbei war, kam derselbe Polizist wieder zu mir und fragte: "Ihr macht doch jetzt noch einen kleinen Umtrunk in der Bürgergesellschaft so einen kleinen Absacker, darf ich dich dahinfahren?" Ich sage: „Ja klar, selbstverständlich, da muss ich nicht laufen.‘
Also setze ich mich hinten auf das Motorrad, und wir fuhren direkt in die alte Bürgergesellschaft – unten war noch die Garderobe, keine Stufe – rein ins Lokal. Ein riesiger Auftritt! Alle haben gelacht, und ich wurde direkt von der Garderobe abgesetzt. So etwas vergisst man nicht.“
 
Frage 1
Herr Napp, was war eigentlich Ihr erster Gedanke oder die Idee, überhaupt Bürgermeister zu werden?
Herbert Napp:
„Der Grundgedanke war natürlich das, was uns alle verbindet: Die Liebe zu dieser Stadt und der Wunsch, sie nach vorne zu bringen. Ich hatte das große Glück, schon früh bei der Familie Kallen zu Gast zu sein – der Sohn war in meiner Klasse – und ich war oft bei Kallen´s zu Gast. Besonders beeindruckt hat mich der alte P. W. Kallen, den ich als Bürgermeister von Neuss kennenlernen durfte. Ich habe ihn sehr geschätzt – für sein Engagement, sowohl als Unternehmer als auch als Bürgermeister, insbesondere in einer schweren Zeit für den Wohnungsbau in Neuss. Ihn fand ich ganz großartig und dachte: "In diese Fußstapfen kannst du gerne einmal treten."

Eine kleine Anekdote dazu: Der Kallen war ja auch mal Schützenkönig. Wir Neusser sind ja bekanntlich sparsam, also rief mich Frau Kallen an: "Wir haben noch alles für dich das KOMPLETTE SCHÜTZENFEST OUTFIT– Frack, Zylinder, Lederhandschuhe, Weste, das komplette Programm!“ Ich musste nur die Länge der Hosenbeine etwas anpassen, alles andere war schon bereit. Das war wunderbar ich musste mir die Sachen nicht kaufen– nur der Nachteil war der alte Kragen mit Knopf am Nacken, an dem die schwere Königskette befestigt war. Glauben Sie mir, das hat richtig wehgetan!“

Frage 2
Sie traten Ihr Amt im März 1998 an. Damals befand sich Neuss in einer Phase des Wandels. Welche Ihrer ersten Entscheidungen als Bürgermeister würden Sie heute als besonders prägend bezeichnen?
 
Herbert Napp:
„Prägend war für mich vor allem, Neuss wieder ein Stück weit zu öffnen – ich nenne das gern ‚Neuss wieder erlebbar machen‘. Zwei Maßnahmen standen dabei besonders im Fokus: Zum einen haben wir den Markt vor dem Rathaus wieder für die Öffentlichkeit geöffnet, also als Aufenthaltsort, trotz anfänglicher Widerstände einiger Unternehmer und Einzelhändler. Zum anderen haben wir uns früh mit dem Thema Straßenbahn in der Innenstadt beschäftigt. Es ging nicht unbedingt darum, das Problem endgültig zu lösen, sondern so zu bearbeiten, dass es langfristig niemanden mehr wirklich nachhaltig beschäftigt.
Wir haben einen Kompromiss gefunden – einen, mit dem alle zufrieden sind. Aber wie ich, als Anwalt immer sage: Die Vergleiche halten am Besten, wenn die beteiligten Seiten zufrieden sind. Und genau das war hier der Fall.“

Anmerkung - Während der Fragen bei dem Interview:
Während Napp erzählt, gibt es lebhafte Kommentare von seinen Gästen: Wilfried Küfen befürwortete die Straßenbahn, während Michael Bott völlig dagegen war. Die beiden diskutierten heftig und stundenlang – eine amüsante Ergänzung zur Bürgermeister-Perspektive.
 
Frage 3
Sie galten immer als Bürgermeister zum Anfassen. Wie wichtig war Ihnen der direkte Kontakt zu den Menschen, und wie haben Sie das über all die Jahre aufrechterhalten?
 Herbert Napp:
„Das Schöne an der Kommunalpolitik ist, dass man mit den Menschen direkt zu tun hat – face to face. Man ist nicht mit abstrakten Themen wie internationalen Organisationen beschäftigt, sondern immer mit konkreten Problemen von Mensch zu Mensch. Für mich waren deshalb die Partei, die Fraktion und auch die Zusammenarbeit mit anderen Fraktionen sehr wichtig. Wir waren letztlich Umsetzer dessen, was die Bürger wollten. 
Es war mir immer wichtig, authentisch mit den Einzelnen umzugehen. Ich habe das Amt stets als Ehrenswert empfunden, aber niemals als Mittel, Distanz zwischen dem Amt und den Bürgern zu schaffen. Und ich denke, das ist mir ganz gut gelungen.
Ein kleiner Beleg dafür: Selbst heute, wenn ich durch die bekannten Discounter gehe, sprechen mich noch viele Menschen an. Die meisten sagen immer noch: ‚Hallo Herbert!‘ Das zeigt mir, dass der direkte Kontakt zu den Menschen auch nach all den Jahren bestehen bleibt.“

Frage 4
Viele verbinden Ihren Namen bis heute mit dem Spitznamen „Vesuv von Neuss“, weil Sie trotz Nichtrauchergesetz in Ihrem Büro weiter rauchten. Wie stehen Sie heute zu dieser Episode? War das ein Stück Rebellion – oder eher Prinzipientreue? Und wer gab ihnen den Namen als Erstes???

Herbert Napp:
„Den Namen habe ich von einer Nichtraucherverfolgungsorganisation aus Bayern bekommen. Als ich das festgestellt habe, dachte ich sofort: ‚Netter können die gar nicht sein.‘ Deshalb habe ich das Ganze auch ein bisschen gepflegt.
Mir ging es nie darum, mich einfach gegen Regeln aufzulehnen, sondern um ein Prinzip, die wechselseitige Rücksichtnahme. Wir sind ja nicht alle Veggie-Esser oder Fleischfresser – in einer Gesellschaft muss man miteinander auskommen. Deshalb darf eine Nichtrauchergeschichte nicht so absolut sein, dass bestimmte Situationen gar nicht mehr möglich sind. Mich hat vor allem die Unpersönlichkeit geärgert, dass man den Grundsatz gegenseitiger Rücksichtnahme einfach ignoriert.
Ich halte es so: Die Grundpfeiler unserer Gesellschaft sind für mich die wechselseitige Rücksichtnahme. Das sind die Säulen, die alles tragen.
Deshalb bin ich auf die Barrikaden gegangen – nicht aus Rebellion, sondern aus Überzeugung. Und ganz ehrlich: Missionare, egal in welchem Bereich, habe ich nie gemocht.“

Frage 5
Neuss hat sich während Ihrer Zeit als Bürgermeister stark verändert. Auf welches Projekt oder welche Entwicklung sind Sie persönlich am meisten stolz?
 
Herbert Napp:
„Für mich war es besonders wichtig, dass sich Neuss von einer eher konservativen Stadt zu einer liberalen Großstadt entwickelt hat – wirtschaftlich und kulturell. Ein Projekt, auf das ich besonders stolz bin, war, Pierburg in Neuss zu halten und so eine Abwanderung zu verhindern. Das war nicht einfach, auch was die Baugenehmigungen anging.
Eine kleine Anekdote dazu: Der damalige Chef von Rheinmetall, Eberhard, rief bei mir im Büro an und sagte, er wolle mich kennenlernen – ‚so einen Bürgermeister will ich mal treffen.‘ Ich habe ihm geantwortet: ‚Wissen Sie was, ich kenne mein Büro, ich komme mal zu Ihnen an die Rheinallee.‘ Wir trafen uns dann zum Mittagessen – wunderbar. Für mich war das ein echter Gewinn für die Wirtschaftsförderung und ein gutes Beispiel, wie persönliche Kontakte Projekte voranbringen können. Für mich war das wie ein Ritterschlag zum Thema Wirtschaftsförderung."
 
Frage 6
Nach fast drei Jahrzehnten im Rathaus – wie schwer fiel Ihnen der Abschied im Oktober 2015 nach 17,7 Jahren? Und wie sah Ihr erster Tag als Pensionär aus?
 
Herbert Napp:
„Ich hatte durch den Städtetag viele Kollegen und Kolleginnen gesehen, die abgewählt wurden, und habe gelernt, wie man mit so einer Situation umgeht: Man geht ganz oder gar nicht, sonst wird man unglücklich. Zum Glück schenkte mir meine Frau eine Kreuzfahrt – so konnte ich erstmal komplett weg von Neuss sein und Abstand gewinnen.
Danach musste ich viele ganz normale Dinge wieder neu lernen, die mir über die Jahre abgenommen worden waren: den Computer einzuschalten, einkaufen zu gehen, E-Mails zu schreiben – all das gehörte plötzlich wieder zu meinem Alltag. Es war eine Zeit des Umstellens, aber auch des Genießens.“

Frage 7
Was sagen Sie zum Thema „Nexit“?
Herbert Napp:
„27,7 Jahre Erfahrung können nicht irren – da bin ich mit meinem Nachfolger völlig einig.“
 
Frage 8
Wenn Sie jungen Menschen, die heute in die Politik gehen wollen, einen einzigen Rat mit auf den Weg geben dürften – welcher wäre das?

Herbert Napp:
„Mein Rat wäre, sich sehr genau zu überlegen, ob man in die Politik gehen möchte. Politik ist äußerst zeitraubend, und es ist schwer, Familie, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen. Gleichzeitig appelliere ich an die Wähler, etwas nachsichtiger mit Politikern zu sein – wir sind schließlich alle Menschen, die versuchen, die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen. Hohe Ansprüche sind gut, aber es ist wichtig, Prinzipien wie wechselseitige Rücksichtnahme im Blick zu behalten.“

Zwischenanekdote: Ordnung im Durcheinander
Herbert Napp erklärt:
„Einmal fragte mich ein hochrangiger Bundeswehrgeneral bei bei der Parade zum Schützenfest‚ er war begeistert über die vorherrschende Disziplin:
Herr Bürgermeister, wo haben Sie denn das Aufmarschgebiet bei den Paraden? Bei der Bundeswehr werden die Soldaten ja in Kompanien zusammengestellt und dann laufen die so los.
Ich antwortete: ‚So etwas wie ein Aufmarschgebiet haben wir nicht – sonst gäbe es keine Kirmes mehr!‘
Schauen Sie mal vorne beim Löwen – da laufen jede menge Leute völlig durcheinander. Aber es gibt eine einfache Ordnung: Jeder hat eine Losung die lautet „was hast du fürn Nummer „damit weiß man genau, wie lange man noch Bier trinken kann, bevor man wieder am Platz sein muss. Dieses einfache Prinzip schafft Struktur.
Für mich zeigt das den Unterschied zwischen Befehl und Gehorsam auf der einen Seite und der sogenannten „Freiwilligkeit“ auf der anderen. Man kann auch in scheinbarem Chaos Orientierung und Ordnung finden – mit einem Lächeln, versteht sich.“
 
Abschlussfrage
Wie sieht Ihr Alltag aus – durchschnittlich in den letzten Wochen? 
Herbert Napp:
„Mein Alltag dreht sich im Wesentlichen um drei Dinge: Sport – sei es in der Muckibude oder Golfen –, Einkaufen und gerne Kochen. Und natürlich genieße ich die Zeit, die ich gemeinsam mit meiner Frau und Freunden verbringen kann. Mehr braucht es eigentlich nicht, um sich wohlzufühlen.“

Abschlussatz von Herbert Napp:
 
„Früher war alles gut. Heute ist selbstverständlich alles besser. Aber ich wünschte mir, es wäre mal wieder alles nur gut.“

 

News von: Robert Gutowski/ Karin Arnold, 08.12.2025

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